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Radio Interview - Projekt
RealTheater

Ein Radio-Interview/Radiofeature zum philosophischen Thema
„Wie real ist die Realität“ über den Radikalen
Konstruktivismus und das Projekt RealTheater von Julia Schütz (Studentenradio
bauhaus.fm Weimar, Mai 2013)
mit Hans Mack alias Neo von Terra:
Julia Schütz:
Das Modell des RealTheaters basiert auf der Philosophie des
Radikalen Konstruktivismus, wonach wir die Welt nicht einfach
vorfinden, sondern unsere Welten erfinden. Eine
dementsprechende Geisteshaltung charakterisiert der Philosoph
und Psychotherapeut Paul Watzlawick in drei Punkten: Das sind
zum einen die Freiheit, seine Wirklichkeit immer wieder neu zu
erschaffen, zweitens verantwortungsbewusstes Handeln, da der
Hinweis auf Sachzwänge oder die Schuld anderer Menschen nicht
mehr offen steht und drittens die Toleranz, auch allen Anderen
die Möglichkeit zu geben, ihre Wirklichkeit frei zu
konstruieren. Kann man davon ausgehen, dass die Teilnehmer in
ihrer neu gewählten Rolle freier, verantwortungsbewusster oder
toleranter agieren, als zuvor?
Neo von Terra:
Ja, viel freier, viel toleranter und viel
verantwortungsbewusster.
Toleranter und freier - weil man seine Schatten, innere
Impulse und Wünsche ausleben kann, unabhängig von üblichen
sozialen oder gesellschaftlichen Tabus.
Auf der RealTheater Bühne herrscht künstlerische Freiheit. Die
soziale Gruppe akzeptiert hier ein Verhalten, dass im normalen
Leben zum Einsatz von Polizei und Zwangsjacke oder zu ernsten
Schlägereien und echtem Hass führen würde. Wir grinsen nur
darüber und amüsieren uns über die Vielfalt und Buntheit der
Möglichkeiten unserer Spezies.
Verantwortungsbewusster ist es deshalb, weil wir als
künstlerisches Ensemble gemeinsam auf uns alle aufpassen. Die
wichtigste Bühnenregel, neben der Stop-Regel, um zusammen
miteinander spielen zu können, lautet: Keinem darf real etwas
Schlimmes passieren, denn dann wäre das Spiel vorbei und das
kann keiner wollen.
Beim Schauspiel ist das Intuitive auf unserer Seite, es ist
leicht, diese Spielregel zu beachten.
Julia Schütz:
Eine der Voraussetzungen für ein positives Ergebnis des
Experiments ist es, dass im Spiel vorwiegend
Best-Case-Szenarien geschaffen werden. Konflikte sollen im
Bereich des spielerischen bleiben, da sie durch den Abstand
zwischen ‚realer‘ Person und Rolle unpersönlich werden. Ist
das nun ein Schritt in Richtung Frieden oder einer in Richtung
Eskapismus?
Neo von Terra:
Der Abstand zur eigenen kausalen, historischen und
gesellschaftlichen Person befreit die Handlungsmöglichkeiten
und vertieft die Verbindung zum inneren Kind und den eigenen
Wünschen und Impulsen. Deshalb würde ich das nicht
unpersönlich nennen, sondern im Gegenteil sehr persönlich. Die
Schranken, Tabus und mechanistischen Regeln unserer
„Metropolis-Welt“ fallen dadurch weg.
Wenn wir Best-Case-Szenarien entwickeln,
die es so noch nie gegeben hat und damit praktisches Know-how
erschaffen, dann ist das ein wichtiger Schritt zum Frieden.
Die Methoden des Theaters und der Simulation passen hierzu
perfekt. Das geht auch in Richtung Liebesforschung und
Richtung „struktureller Frieden“, wie die Friedensforscher
Professor Johan Galtung und Professor Dieter Senghaas das
nannten.
Eskapismus, heißt Realitätsflucht. Ich
verstehe den Radikalen Konstruktivismus so, dass es keine
eindeutige Realität und keine feste Wahrheit gibt. Diese
unsere Wirklichkeit hier ist deshalb wahr, vor allem in
sozialer Hinsicht: meine Rolle, mein Status, dadurch aber auch
mein Besitz etc., weil wir alle so tun als wäre sie wahr. Das
ist wie mit Papiergeld, solange alle so tun als wäre das
wertvoll, solange ist es echt und wertvoll.
Unser kollektives Handeln bestimmt was
wahr und was real ist. Wenn eine Gruppe von Leuten das
Theaterspiel und die Welt die durch RealTheater gemeinsam
entsteht, ernster nimmt als die sogenannte reale Welt, dann
wird auch diese Welt real und wirklich. Es gibt Tausende
Gründe unsere heutige Welt nicht mehr ernst zu nehmen mit all
der Absurdität, den Atomwaffen, vielen Politclowns an den
Fäden der Lobbyisten und der Umweltvernichtung.
Friedensforschung in Verbindung mit Kunst
und Philosophie bedeutet konkrete und praktische Alternativen
zu entwerfen und RealTheater sehe ich hierzu mit der
Gruppenarbeit und der Idee eines Friedensdorfes oder einer
künftigen experimentellen Friedensstadt als ein soziales
Saatkorn, ein Grundstein, wenn es klappt.
Man kann das Realitätsflucht nennen, aber
es ist auch Realitätsgestaltung, also das Gegenteil von
Flucht. Es geht darum, dass es nicht die eine Realität gibt,
es gibt mehrere und das ist gut so.
Das Monopol, wie das zum Beispiel auch unsere Tagesschau
verbreitet, ist eine Schimäre, eine Teilwahrheit, die als
ganze Wahrheit verkauft wird. Ich warte hier auf den globalen
Lachkrampf, um aus der egozentrischen Geldzeit zu erwachen und
auf unserem blauen Raumschiff Terra endlich das Spielen
miteinander anzufangen.
Das Leben sollte ein Spiel für alle sein,
oder wie Helmut Kohl das mal spöttisch nannte: ein kollektiver
Freizeitpark. Genau das möchte ich.
Die Roboterarmee steht in etwa 10 Jahren bereit um uns zu
versorgen wenn meine Spezies miteinander Frieden schließen
würde. Stichwort: Globalmarshallplan, Öko Zeitalter,
Paradigmenwechsel, Industrie 4.0.
Ich behaupte das jetzt mal ganz klar und
vertraue auf die besseren Argumente: Ich finde die Kunst, das
Theater, die Langzeitimprovisation im Sinne von RealTheater
ist die bessere und lebenswertere Welt und sollte als
Lebensmodell unser heutiges sogenanntes normales Sozialsystem
und das egozentrische Lebensmodell ablösen. Ich gehe sogar so
weit zu sagen, es lebt sich besser, wenn man nicht eine
einheitliche Rolle darstellen muss, sondern gesellschaftlich
anerkannt so frei sein kann, wie zum Beispiel Hape Kerkeling
oder Anke Engelke in ihren TV-Rollen mit vielen völlig
verschiedenen Figuren.
Wir sind das alles. Der Philosoph Richard
David Precht hat ein Buch mit dem Titel geschrieben: „Wer bin
ich, und wenn ja wie viele?“, und mir fällt hier ein Spruch
der Rockband „Talking Heads“ ein: „We dont wan´t just one
cake, we want the whole fucking bakery“. Wir wollen keine
einzelne Marionette sein, wir wollen das ganze Theater!
Julia Schütz:
Der Erläuterungstext zum Projekt RealTheater trägt die
Überschrift ‚Nur für Verrückte‘. Halten Sie es für möglich,
dass eine langfristige Teilnahme am Experiment die Entwicklung
eines schizophrenen Charakters begünstigt oder gar provoziert?
Welche Folgen hätte das Ihrer Einschätzung nach?
Neo von Terra:
Der Begriff: „Nur für Verrückte“ im Buchtitel soll neugierig
machen und bezieht sich auch auf eine Passage zum Magischen
Theater aus dem Buch „Der Steppenwolf“ von Hermann Hesse.
Wer mein Buch liest, der erkennt, dass es genau umgekehrt
gemeint ist. Unsere heutige Welt ist wohl eher die verrückte
Welt, durch Finanzkrise, Diktaturen, Dogmen, Lügen, den 3.
Weltkrieg Arm gegen Reich usw.
In der ganz normalen Welt wird die
Entwicklung zur Schizophrenie immer intensiver. Es geht uns
doch in ganz vielen Punkten so wie im Märchen: „Des Kaisers
neue Kleider“. Jeder sieht dass Politik die Hauptprobleme
nicht löst, wir aber machen so weiter. Jeder will die Liebe im
persönlichem Leben, gleichzeitig behandeln wir unseren
Nächsten oft cool oder ängstlich als wäre er Godzilla. Wer
wirklich die Wahrheit sagt, im Job, in einer Talkshow oder in
der Einkaufsstraße, der braucht ein schnelles Pferd.
Durch die Unterdrückung der echten
inneren Wahrnehmung fördern wir Janusköpfe und psychische
Krankheiten, wie z. b. Leute mit Tourette Syndrom, die die
Kommunikations-Unterdrückungsmechanismen einfach nicht mehr
aushalten.
Diese unsere normale Welt fördert die Schizophrenie. Beim
RealTheater jedoch können wir endlich authentisch wieder das
ausdrücken, was in uns ist. Wir können laut denken, das
fördert die Einheit im Menschen und ist ein äußerst
befreiender und humorvoller Akt, wie im Schauspielunterricht
üblich.
Julia Schütz:
Der konstruktivistische Philosoph Ernst von Glasersfeld hat
die These aufgestellt, dass die ‚wirkliche‘ Welt sich
ausschließlich dort offenbart, wo unsere Konstruktionen
scheitern. Im RealTheater wird davon ausgegangen, dass das
auch auf unsere Identitäten zutrifft. Aber sind wir nicht
mehr, als wir wählen oder begreifen und somit verändern
können?
Neo von Terra:
Wenn unsere Konstruktionen zusammenbrechen, dann sehen wir
plötzlich, dass es nur eine Konstruktion war und dass dahinter
viel mehr durchschimmert. Vielleicht ist es wie mit einem
bunten Legokasten. Wenn ein Turm zusammenfällt, den wir für
die ganze Welt gehalten haben, dann sehen wir plötzlich, dass
nicht der Turm die Welt ist, sondern das Spielfeld ist die
Welt. Zigtausende bunte Legosteine, soweit wir sehen und wir
können damit immer wieder neue Welten und Charaktere bauen.
Es geht darum zu erkennen, dass wir nicht
die Objekte und Spielfiguren sind, die wir schaffen, sondern
dass wir die Regisseure, die Hände und Augen sind, die das
auswählen, aber letztlich sind wir beides, Spieler und
Beobachter. Aber nur wenn sich Hände und Augen verbünden, dann
können wir ein gemeinsames Spiel organisieren und die
„Affengewalt“ auf Terra stoppen. Ich meine das ganz ernsthaft
als Schauspielehrer, Philosoph und Friedensaktivist.
Julia Schütz:
Bisher haben psychologische Experimente, wie etwa ‚The Third
Wave‘ oder das ‚Stanford-Prison-Experiment‘, eher eine
scheinbar im menschlichen Unterbewusstsein verankerte Macht-
und Habgier offenbart. Welche sozialen Strukturen werden sich
voraussichtlich herausbilden, wenn jeder seine Rolle frei
wählen kann? Kann es auch hier zu Gewaltausschreitungen und
Kontrollverlust kommen?
Neo von Terra:
Diese Projekte haben gezeigt, dass eine Simulation real werden
kann, wenn sie stimmig ist und länger läuft. Beides waren
Worst-Case-Simulationen. Ich halte es für äußerst
wahrscheinlich, dass in einer Best-Case und „Was wäre wenn
Vorlage“ auch Best-Case als Ergebnis herauskommt. Vor allem
haben wir hier ja einen ganz anderen Aufbau eines Projekts.
Wir haben Sicherheitsmaßnahmen, die sich bereits in
Zigtausenden Schauspielunterrichtsgruppen seit vielen
Jahrzehnten bewährt haben. Der Mensch ist weder schlecht, noch
gut, er ist beides, ein echter Januskopf. Wenn man jemanden
wie Romeo und Julia behandelt, dann bekommt man den Spirit von
Romeo und Julia und Liebesszenarien. Wenn man das Diener/Herr
bzw. das Sado/Maso Spiel spielt, mit Gefangenen und Wärtern,
dann bekommt man auch Sado/Maso heraus.
Zu Gewaltausschreitungen und
Kontrollverlust ist zu sagen, es gelten die Regeln des
Schauspielunterrichts. Es darf zu Gewaltausschreitungen
kommen, die Gewalt bleibt aber im emotionalen Erleben und wird
nicht real zerstörerisch. Die 10 cm Abstandsregel bei
Schlagimpulsen, wenn Schauspieler zuschlagen, entspricht
übrigens der Muskelstarre des Träumenden während des
REM-Traums.
Es gibt nichts auf der Welt, was ich kenne, wo ein
Kontrollverlust so unwahrscheinlich ist wie im
Schauspielunterricht bei den gemeinsamen
Improvisationsübungen, denn gerade dadurch, dass alles
expressionistisch ausgelebt werden kann, was da ist, dadurch
staut sich keine Spannung auf, die im normalen Leben im Sinne:
„Das Fass läuft über“ zu Gewaltexplosion, Kriminalität und
Krieg führt.
Julia Schütz:
Wie wird die Grundversorgung der Teilnehmer gewährleistet und
inwiefern müssen sie sich bedürfnisorientiert selbst
versorgen?
Neo von Terra:
In einem richtig gut organisiertem RealTheater, das in der
längsten Form bis zu 4 Monate dauern könnte, und bei optimalem
Gelingen in eine nachhaltige Gemeinschaft münden würde, muss
die Versorgung gesichert sein, wie bei einem Workshop oder
einem Filmset. Es ist wie in der Natur, spielen kann man erst,
wenn man grundversorgt ist.
Julia Schütz:
Wo und wie kann man sich als Sponsor und/oder Teilnehmer des
Projekts bewerben?
Neo von Terra:
Via E-Mail: (x-art@web.de) bzw. über www.realtheater.de .
Auf der Internetseite gibt es auch eine Kontonummer für
Spenden.
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