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Friedensforschungs TV - Friedensforschung 2.0

4. Das Kommunikationszeitalter benötigt eine neue Streit- und Dialogkultur

 

   
     

Lesen Sie in diesem Beitrag: "Friedensforschung 2.0":
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1.  Wir benötigen eine Mobilmachung der Friedensforschung
2.  Lösung zum Streit um Perspektive & Wahrheit: PolykontexturalLogik
3.  Selbstwahrnehmung, Selbsttäuschung, Kommunikationsverbote

4.  Das Kommunikationszeitalter benötigt eine neue Streit- und Dialogkultur
5.  Was ist "Struktureller Frieden" und "Strukturelle Demokratie"
6.  Konkrete Utopie - Projekt RealTheater - "Realität a la Carte"

   
     

     
     

Das Informations- und Kommunikationszeitalter fordert eine neue Art des Streitgesprächs, das den banalen Streit um Standpunkte beendet und eine Lösungskultur in den Vordergrund schiebt. Es geht um einen gemeinsamen Lösungsdialog, der sowohl tabulos, ehrlich und umfassend die wahren und damit subjektiven Meinungen der Menschen nebeneinander wie offene Karten auf den Tisch legt. Das, was gedacht wird, muss auch gesagt werden dürfen, andernfalls wird Information unterdrückt, die zur Orientierung benötigt wird, damit sich jeder ein klares Bild der Gesamtsituation machen kann. Erst wenn jeder seine wahre subjektive Wahrnehmung ausspricht, kann in der Gesamtsicht ein wahres objektives Bild entstehen.

Eines der schlimmsten Dinge unseres Systems ist die Kommunikationsblockade. Man kann als Erwachsener meist zum Mitmenschen nicht wirklich sagen, was man denkt. Offene Kommunikation und unverlogene Sprache ist aber bei allen Problemen so etwas wie der „zwischenmenschliche Werkzeugkasten“ um Fehler und Irrtümer zu reparieren. Wenn aber schon der "Werkzeugkasten" aus irgendwelchen lustigen Gründen nicht nutzbar ist, dann ist diese Kommunikationsmauer einer der fatalsten Defekte unserer Spezies. Wir müssen die Kommunikation befreien!

Wir nehmen oft manch nachteilige traditionelle Regeln und anerzogene Verhaltensweisen als alternativlos und „gottgegeben“ hin, die nicht alternativlos sind. Manche (affen-) kulturellen Regeln, Fettnäpfchen und mentale Tretmienen erschweren unsere Art des Kommunizierens und Zusammenleben fundamental.
Eine dieser Regeln betrifft den Umgang mit verschiedenen Meinungen und mit Kritik. Nicht nur bei Nachbarn oder Arbeitskollegen, sogar bei guten Freunden und Liebespartnern ist dies oft ein Problem. Kontroversen werden häufig so lange gemieden und verdrängt, bis sie immer größer werden und sogar die gesamte Beziehung zerstören können. Dieses Verhalten manifestiert sich auf allen Ebenen unserer Kultur, von der Kleinfamilie bis hin zu Konflikten zwischen Nationen.

Die wenigsten wissen das Streitgepräche auch lustvoll, spielerisch, relaxt, lachend, in völliger Offenheit und ohne zu lügen möglich wären, wenn nur eine neue Art des Disputs (wie eine neue Währung) generell gültig, bekannt und als Handlung bei jedem Einzelnen eingeübt verfügbar wäre. Wie langweilig wäre es, wenn wir alle die gleiche Sichtweise hätten. Wir sollten uns auf Dispute freuen und diese kulturell zelebrieren, statt sie zu vermeiden und wir sollten so subjektiv ehrlich und emotional dabei sein dürfen, wie uns das nur möglich ist und wie es uns gut tut. Ein offener Disput kann ein Naturerlebnis wie ein Gewitter sein, und wenn man das verbal so zulässt und kein einziges Gefühl und Argument unterdrückt, kann die „geistige und emotionale Luft“ danach so klar und frisch sein, wie wir das nach einem Gewitter kennen, weil Spannungen real abgebaut wurden. In meinem Bereich der Schauspielkunst/Schauspielschule lieben wir genau diese Art von fundamental menschlichen Disputen und können nur lachen über die vielen, gerade in Deutschland üblichen Fettnäpfchen einer absurden Realität, die wahrhafte Kommunikation verhindern, Menschen verhölzern, auseinanderdividieren und krankmachen. Franz Kafkas Worte passen hierzu sehr gut: „Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht.“

"Fehler sind dazu da transparent korrigiert zu werden" (1) Sascha Lobo

Eine auch emotionale Lösung und Entspannung von Problemen ist erst dann möglich, wenn alles ausgesprochen wird, wenn nichts zurückgehalten wird, wenn sogar sämtliche Emotionen, (auch die unterdrückten und eingefrorenen) ausgesprochen und letztlich ausgelebt werden können. In unserer "normalen" Welt wären solche Forderungen der Aufruf zu einem willentlichen Gesichtsverlust, Statusverlust, Identitätsverlust. Manche würden gar sagen dies wäre ein Aufruf zu Anarchie und Chaos. Dem ist nicht so.

Eine Lösung könnte stattfinden innerhalb neuer Regeln aus einem Bereich der schönen Künste. Wir finden diese Regeln im Schauspielunterricht. Dies ist ein soziales Happening, bei dem Verspannungen, Spiellust, Freiheit der Rede und innere Impulse und die Realisierung von Wunschmöglichkeiten seit Langem thematisiert werden. Auf der Improvisationsbühne dort kann man das durch die Vergangenheit diktiertes Ich ablegen und sein, wer man ist oder sein will. Schauspielunterricht, Kommunikationsschulung, Entspannungs- und Glücks Know-how sollte in die Grundschulung eines jeden Menschen gehören. Dies wäre ein Schritt zu einer Kultur der Weisheit. Die Zeiten gehen gerade zu Ende, in denen der Sinn des Lebens aus Arbeit und dem Nullsummenspiel eines Aufsteigens in der Hierarchie besteht. Roboter und Maschinen erledigen zunehmend die Arbeit. Dem Menschen eröffnet sich deshalb eine immer größere Freiheit und Freizeit. Es bleiben zunehmend so angenehme Aufgaben übrig, wie Forschung, Kreativität, gemeinsames Spiel, Kunst und Spaß. Es wird Zeit, dass wir diese wundervolle Möglichkeit endlich gemeinsam anpacken.

Dabei werden wir einen Identitätsirrtum verkraften müssen. Schlimm wäre das nur dann, wenn man seine emotionalen, muskulären und mentalen Verspannungen, Selbstbelügungen und Dogmen als Identität behalten möchte. All diese schauspielerischen Lösungen machen Spaß, sie belustigen unser Inneres, sie erinnern an das Kind, das wir einmal waren und fördern die gewaltige Kraft des Humors und die elementare Kraft unserer Spiellust und Lebenslust. Wir sollten nicht fürchten uns zum Narren machen zu lassen. Wir sind nur dann der Narr, wenn wir zur Statue erstarren aus lauter Angst zum Narren zu werden und dabei unser öffentliches, absurd ernstes Gesicht zu verlieren. Diese Furcht ist Unsinn. Schauspieler wissen das und es wird Zeit, dass die ganze Gesellschaft von diesem Fachwissen profitiert. Es geht schließlich darum das Glück in der Welt zu vermehren und dies geschieht ganz sicher nicht durch die heutigen Regeln der Ellenbogengesellschaft und des Raubtierkapitalismus, jedoch ganz sicher durch die schönen Künste, vor allem dann, wenn man selbst zum Künstler wird, was unabhängig vom Talent für jeden möglich ist.

Wir müssen die allgegenwärtigen Lügen und sämtliche Denk-Tabus überwinden, wenn wir eine Gesellschaft ohne strukturelle Gewalt (1) wollen und wenn wir die komplexen Probleme, denen wir heute gegenüberstehen lösen wollen.

Beispiel: Wie und warum funktioniert das "Forum" als Konfliktlösungsmethode im Friedensprojekt Zegg/Tamera. So nennt man dort ein bewährtes Ritual um Konflikte und Meinungsverschiedenheiten auf der künstlerischen Ebene verbal mit Tanz und Musikelementen auszudrücken. Derjenige, der ein Problem z. B. mit Mitbewohnern hat, geht zur Problemlösung jeweils in die Mitte des Raums. Die Gruppe, die im Kreis darum steht, gibt mit Klatschen oder Fingerschnipsen einen Takt dazu. Durch diese Art bekommt der Konflikt etwas Spielerisches und es wird ihm damit weitgehend der Ernst und das Destruktive genommen. Wenn jemand aus dem umgebenden Kreis dabei angesprochen wird, dann verlässt dieser, wenn er will, spontan den Kreis und begibt sich seinerseits in die Mitte und "rappt" mit seinem improvisierten Text die eigene Sichtweise und Perspektive. Dieses "Forum" nutzt also Elemente aus Psychodrama, Improtheater, Jamsession, Aikido, Poetry Slam und Rap. Spannungen werden auf diese Weise gewaltfrei und konfliktarm ausgeglichen. Dies verhindert, dass soziale Spannungen wie meist in der Normalwelt, sich immer weiter aufstauen. Zusätzlich wird Transparenz hergestellt. Soziale Spannungen werden dadurch also integriert und gelöst anstatt ausgegrenzt und aufgestaut.

Ein noch intensiverer Problemlösungs-Ansatz ist in einer Art Erweiterung dieses "Forums" möglich:
Wir könnten durch Schauspieltechnik die Streit- und Diskussionsprozesse innerhalb eines Spielrahmens mittels den sogenannten "Improvisationsübungen nach Stanislawski" ablaufen lassen. Hier ist der unverfälschte subjektive Ausdruck erlaubt und das völlige Ausleben der Wut ohne Schaden möglich, und erst wenn alle Verspannungen ausgelebt sind, dann ist eine Lösung möglich, die nicht aufgesetzt und pseudo ist. Siehe Projekt RealTheater.

Einen Blick sollten wir noch auf die Art werfen, wie Kinder sich oft vor unerwünschten Verhaltensweisen schützen, sie lachen einfach darüber und parodieren diese. Sie halten dem anderen durch Imitation den Spiegel vor. Ein größerer Eklat wäre kaum vorstellbar, wenn wir genau dies bei einem Konflikt öffentlich in der Realwelt mit einem Mitmenschen machen würden. Genau das und mehr davon sollten wir eigentlich tun. Wir spielen eine Rolle und verteidigen diese Rolle absolut, anstatt loszulassen. (1) Der Kardinalfehler ist der, dass wir unsere inneren Impulse und unseren realen inneren Dialog und Subtext, alles was wir wirklich empfinden, bei Problemen als Ehrverletzung und nicht als Information wahrnehmen. Dadurch unterstützen wir unsere Defekte und Verspannungen, anstatt mit dem Parodisten unserer Verspannungen mitzulachen und ihm für seine Offenheit dankbar zu sein und uns damit auf die Seite des Erkennens und des Lösens zu stellen. Es ist sogar eine Art des Denkens vorstellbar, in der Schimpfwörter völlig ihre (absurde) Macht verlieren, denn wer wirklich souverän im Leben steht, den kann ein Wort nicht real beschädigen, höchstens amüsieren oder informieren. In der Schauspielkunst oder unter Kindern die sich mögen ist diese Tatsache offensichtlich.

Wir Erwachsenen sind in manchen Dingen mental und logisch oftmals gar nicht erwachsen, wir sind oft Sklaven unserer destruktiven, archaischen und anachronistischen Regeln aus der Vergangenheit. Zumindest solange wir diese Regeln nicht ändern und nicht über unsere Dummheit und absurde Verspannungen lachen. Die krankmachenden Regeln und der tierische Ernst der Erwachsenenwelt erlaubt das meist nicht, außer vielleicht im Kabarett. Alleine schon das Strafgesetzbuch zwingt uns ab dem Alter von 18 Jahren oft zur verbalen Lüge, verhindert wahrhafte und reale Kommunikation und spaltet dadurch Bekanntschaften oder sogar Freundschaften. Diese Art von "geistiger Inzucht" und Kommunikationsverweigerung führt zu einem aggressiven inneren Dialog oder zu dem Drang über andere hinter deren Rücken zu lästern. Unsere ganz normalen Kommunikationsregeln führen also oft zu einer Art "Gedankenkrieg" und zur gegenseitigen "Sündenbock" -Beschuldigung. Als Lösungsstrategie ist dieses Verhalten in etwa so witzig wie ein Film von Laurel & Hardy/ Dick & Doof.

Negative Beispiele und deren Verbesserungsideen für das Kommunikationszeitalter:

Beispiel: Bundestag:  
Hier fehlt der konstruktive Geist, weil es vor allem um Macht der Parteifirmen, Fraktionszwang, Lobby, und nicht primär um Lösungen geht. Außerdem fehlen moderne Kommunikationsmittel wie ein simpler Großbildschirm zur Einspielung von Medien und Informationen wie es Talkshows haben. Das Parlament als Kommunikations-, Organisierungs- und Lösungsinstrument ist im neuen Jahrtausend noch nicht angekommen.

Beispiel: TV Talkshow, Anne Will & Co.
Wie im Bundestag geht es vor allem ums Rechthaben, um den Status der Gäste und selten um die Sache. Jeder vertritt seine Perspektive, scheint meist am eigenen Standpunkt festgenagelt. Es fehlt eine konstruktive Diskussionskultur, oft herrscht Chaos. Gute Lösungsideen werden nicht unterstrichen, es fehlen Pausen im Gesprächsablauf, das Klatschen erinnert oft an Jubelperser im Publikum. Eine Lösungsstruktur bei komplexen Problemen fehlt - hier könnte eine schlichte Skizzentafel schon helfen. Selbst wichtigste Probleme bekommen nur eine begrenzte Zeit und es wird oft mittendrin abgebrochen.
Fazit: Trotz Bildungsauftrag und GEZ haben wir in unseren Medien keine Sendungen, die von ihrer Struktur her Lösungskompetenz auf der Höhe der Möglichkeiten der Zeit anbieten.  In den 60er Jahren gab es einige wenige gute Beispiele, dass es auch anders geht. Man kann hier nur auf das Internet, Web 2.0, auf Youtube & Co. mit ihren interaktiven Möglichkeiten hoffen. Hier lassen sich heute schon Argumente mit Videos, Links, Blogs und Bewertungen untermauern oder widerlegen. Ein lang anhaltender und offener Dialog wird so möglich. Wenn die Parlamente und traditionelle Medien sich im letzten Jahrtausend ausruhen und interaktive Neuerungen wie ePetitionen eher als Bedrohung ihrer Macht sehen,  dann werden sie vielleicht irgendwann durch die Neuen Medien und technischen Möglichkeiten ersetzt werden.

     
             
     
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Text:  Neo von Terra  alias  Hans Mack  2011 (1)